Abschied von der Heilig-Geist-Kirche

Über 50 Jahre lang war das Zentrum an der Südallee für viele Menschen die Mitte ihres Gemeindelebens. Der Abschied von der Kirche fiel daher nicht leicht. Der ursprünglich geplante Entwidmungstermin Ende März musste entfallen. Nun fand er statt – am 3. Oktober 2020 „zwischen Einheit und Erntedank“.

Ein letztes Mal wurde die Kirche für diesen Anlass festlich hergerichtet. Bunte Stuhlkissen markierten die zulässigen Plätze, so dass etwa 100 Personen am Entwidmungsgottesdienst teilnehmen konnten, der von Pfarrer Matthias Köhler und Prädikantin Margarete Preis gestaltet wurde, Superintendent Heinrich Fucks oblag die offizielle Entwidmung. Am Ende des Gottesdienstes wurden Altarbibel, Abendmahlsgerät und Kerzen feierlich aus der Kirche getragen.

Die Heilig-Geist-Kirche bereit für ihre Entwidmung [ga]
Die Heilig-Geist-Kirche bereit für ihre Entwidmung [ga]

Einheit und Erntedank“

Viele Erinnerungen an gute Tage hängen an der Kirche, die 1966 feierlich eingeweiht worden war. Begonnen hat das Gemeindeleben an der Südallee aber schon vor dem Bau der Kirche. Damals hatte man noch freien Blick bis nach Garath, nur ein Teil des kleinen Einkaufszentrums an der Südallee und die Schulen standen bereits. 1962 beantragte das Urdenbacher Presbyterium eine zweite Pfarrstelle für das Neubaugebiet zwischen Südallee und Koblenzer Straße. Jürgen Koerver, zunächst Pfarrer im Hilfsdienst in Urdenbach, wurde 1963 in die neue Pfarrstelle im Corelliviertel berufen. Eine Baracke für Sprechstunden und Gemeindekreise und eine Bücherei wurden eingerichtet. In der Aula der Grundschule Südallee wurde von da an regelmäßig Gottesdienst gefeiert.

Obwohl es noch keine Kirche an der Südallee gab, wuchs die neue junge Gemeinde schon heran, feierte, engagierte sich, machte erste ökumenische Erfahrungen, begann, sich für Theologie zu interessieren übers Predigthören hinaus. Damit war schon 1965 vor der offiziellen Grundsteinlegung der Heilig-Geist-Kirche ein Grundstein gelegt, der die folgenden Jahrzehnte nachhaltig prägen würde.

Am 18. Dezember 1966 wurde die Heilig-Geist-Kirche eingeweiht. Seither wurde dort Gottesdienst gefeiert, Leben geteilt, Brot gereicht, wurde getauft, konfirmiert, musiziert, ordiniert, getanzt, getraut, wurde der Verstorbenen gedacht und Gottes Segen erbeten. Zahlreiche Kreise trafen sich, denn man saß nicht zu Hause am Computer, sondern suchte Geselligkeit. Und man wollte zupacken für andere, zunächst für die Spätaussiedler, später für Asylsuchende und bis heute in Flüchtlingsarbeit und Kindernothilfe. Auch der Ökumenische Gesprächskreis besteht von Beginn an und tagt bis heute.

Hier war Gemeinde immer mehr als der Gottesdienstbesuch am Sonntag. Hier wurden Feste gefeiert, Gäste geladen, Konzerte genossen. Hier wurde diskutiert und demonstriert, gestritten und gelitten, und dennoch in Brot und Wein immer wieder zueinander gefunden. Der Name der Kirche war Programm und der Gottesdienst für viele Menschen Mitte und Kraftquelle.

Abschied nehmen heißt weitergehen

Aus den beiden Pfarrbezirken ist eine Einheit geworden: Wir wachsen zusammen, und das ist gut so! Denn leider wachsen wir ja nicht nur, wir schrumpfen auch! Nur wenn wir loslassen, haben wir die Hände frei, um neue Chancen zu ergreifen.

„Müssen wir nicht unsere Kirchen retten und erhalten, bevor sie eine nach der anderen verschwinden?“ fragen die einen. Und die anderen sagen: „Müssen wir uns nicht von ihnen befreien, um mit leichtem Gepäck dem Weg Jesu hin zu den Menschen zu folgen?“

Wenn wir uns von Kirchengebäuden trennen müssen, geht es ums Festhalten und Loslassen. Und beides kann wehtun. Unsere Zukunft als Gemeinde wird davon abhängen, was Gott mit uns vor hat, wie offen wir für Veränderungen sind und was wir der Welt da draußen anzubieten haben. Nicht erst durch die Corona-Pandemie stellt sich die Frage nach der Relevanz und dem Wesen der Kirche.

In wenigen Monaten wird an der Südallee der Grundstein gelegt für neue Gebäude, die barrierefreien Wohnraum, Tagespflege, diakonische Angebote und Stadtteilarbeit unter einen Hut bringen und in denen auch wir als Gemeinde unseren Ort finden werden. Das Neue wirft bereits seine Schatten voraus und macht neugierig. Hier wird – wie mit dem Familienzentrum – Kirche weiter vor Ort sein, um für die Menschen rund um das Corelliviertel da zu sein.

Danke!

Wir alle werden die Heilig-Geist-Kirche vermissen: Ihre schlichte Ästhetik, ihre vielfältigen Möglichkeiten, die Orgel, die nun in Asnières-sur-Seine in Frankreich steht, die Fenster, die nachmittags bei Sonnenschein so wunderbar leuchten.

Viele haben den Wunsch geäußert, ein Stück aus den Glasmosaiken aufbewahren zu dürfen zur Erinnerung – der Wunsch ist gehört und wir werden zu gegebener Zeit sehen, wie er sich umsetzen lässt!

Unser großer Dank und Respekt gilt allen, die über 50 Jahre lang im Gemeindezentrum Heilig-Geist-Kirche haupt- und ehrenamtlich gewirkt haben und die den Grundstein gelegt haben für eine ganz besondere Gemeinschaft, die für viele von uns prägend war!

Der Allerhöchste wohnt nicht in Tempeln,
die mit Händen gemacht sind.“ (Apg.7,48)

Die Erinnerungen an gute Zeiten tragen wir als kostbaren Schatz in uns!

Margarete Preis

  • Ein letzter Blick in die entwidmete Heilig-Geist-Kirche am 03.10.2020 [ga]